|
Donald Marguiles nimmt in seinem Stück über Freundschaft,
Liebe, Ehe und Haute Cuisine die eigene Generation auf´s
Korn: In den Vierzigern jetzt, mit noch schulpflichtigen
Kindern, gut situiert wie er selbst an der Yale School of
Drama, und doch verunsichert in dem Bewusstsein, dass echte
Lebensveränderungen nur jetzt noch möglich scheinen,
während ein überlegtes Festhalten am Erreichten
und Gewohnten schon die Schatten zunehmender Verwundbarkeit
und Vereinsamung ahnen lässt. Der Erfolg von Marguiles
bittersüßer Komödie verdankt sich einer humorvoll
genauen Kennzeichnung seiner beiden Paare, in deren vier
lebensvollen Rollen nicht nur die Gleichaltrigen und Älteren,
sondern, einem biographischen Rücksprung im Stück
entsprechend, auch die üngeren sich lustvoll wiedererkennen.
***
Karen und Gabe haben was Schönes gekocht
und ihre Freunde Beth und Tom eingeladen. Leider ist Tom
verhindert, aber das hält die Gastgeber nicht ab, von
ihrer Reise zu schwärmen.... Plötzlich zwischen
Hauptgang und Dessert - Beth in Tränen: "Tom verlässt
mich!" Zwölf Jahre, zwei Kinder. Und nun...
Diese zwölf Jahre haben auch die Freunde
miteinander verbracht. Und nun wird das alles in Frage gestellt?
Nun wirft einer von ihnen, der sich doch scheinbar all die
Jahre dabei wohlgefühlt hat, alles über den Haufen?
Wie aus heiterem Himmel sind auch die Gemeinsamkeiten unter
Freunden, auf die man sich verlassen konnte, das selbstverständliche
Vertrauen brüchig geworden.
Immerhin müsste man doch miteinander reden
können. Ob es wirklich ein "Kernpunkt der Zivilisation
ist, den Impuls zu bekämpfen, einfach alles hinzuschmeißen".
Oder ob dieser Kernpunkt nicht im Gegenteil bedeutet, sein
Leben ändern zu können.
Doch analysieren, diskutieren, philosophieren
ist das eine. Und Sex ist das andere. Sex in langjährigen
Beziehungen. An diesem Punkt wird´s bitter- Oder süß.
Oder bittersüß.
***
Für Dinner with Friends erhielt Donald
Marguiles neben dem Pulitzer Prize for Drama 2000 unzählige
Auszeichnungen. Dinner with Friends lief von 1999 bis 2001
am Variety Arts Theatre in New York. Die deutschsprachige
Erstaufführung fand am 17. Mai 2002 am Renaissance Theater
Berlin statt.
KRITIKEN
Rhein-Neckar-Zeitung vom 28./29. Juni 2003
Joggen, Dusche, Sex
„Freunde zum Essen“ von Donald Marguiles
von Heide Seele
Für Strindberg, Albee oder Ingmar Bergmann ist es nicht
ernst genug, für Loriot aber nicht ausreichend witzig.
Das Stück „Freunde zum Essen“ des Amerikaners
Donald Marguiles, für das der Autor 2000 den Pullitzer-Preis
erhielt, hält die Balance zwischen heiter und traurig,
wobei das Heitere bei weitem überwiegt. Man lacht und
fühlt dabei doch etwas Beklemmung, ist ziemlich berührt
und findet das Ganze aber recht komisch. Die Komödie
gibt die rechte Kost für unseren heißen Sommer
ab, und die Premierengäste sparten nicht mit viel sagenden
Reaktionen, denn Theater-Chefin lässt mit geschickter
Hand vier Lebensentwürfe samt ihrer gelungenen oder
gescheiterten Realisierung aufeinander prallen.
Zwei Paare geben eine theatralisch tragfähige Konstellation
ab. Karen und Gabe auf der einen,Liz und Tom auf der anderen
Seite kennen sich seit Jahren, sind alle Mitte vierzig, haben
Kinder und wollen ihre Ehe nicht in Routine versinken lassen.
Doch dieser Gefahr entgeht kaum jemand, denn im Leben und
einer guten Beziehung geht es erfahrungsgemäß um
mehr als „guten Sex“. Die Lacher im Publikum
zeigten an, wo der Schuh oder sonstwas drückt. Offenbar
haben nicht nur die Männlein und Weiblein auf der Bühne
ihre liebe Not miteinander. Dem amerikanischen Dramatiker
gelingt es, mit seinem gut gebauten Stück Allgemeingültigkeit
zu erzielen mit der Besonderheit, dass ein Teil der Komik
aus der Vorliebe seiner Personen für das Kulinarische
resultiert. So gewinnt der Geschlechterkampf eine feinschmeckerische
Note.
Es geht in „Dinner with Friends“ um die Unwägbarkeiten
des Lebens, um die „ups and downs“ in der Partnerschaft,
auch um die Unmöglichkeit, den Überschwang des
ersten Verliebtseins hinüberzuretten in den Alltag.
Hinzu kommt ein typisch amerikanischer Pragmatismus, der
in allen Widrigkeiten noch eine Chance erkennt. Man tröstet
sich schnell, packt neue Herausforderungen am Schopfe und
lässt sich nicht kaputt machen. Die Ehe von Liz und
Tom ist gescheitert., aber Karen und Gabe bleiben zusammen,
doch auch hier gibt es einige Indizien dafür, dass ein
kleiner Wurm in der Beziehung nagt.
Die kurzweilige, von lebensweisem Humor geprägte Zwei-Stunden-Aufführung
hat Charme und Witz, dank einiger Kürzungen gewinnt
sie an Stringenz, und die erfahrene Regisseurin Ute Richter
weiß mal wieder ihre Darsteller zu führen. Das
Gespann Liz-Tom gibt die Folie ab für Karen und Gabe.
Es geht aber nicht nur um Liebe, Ehe und Treue, sondern auch
um Freundschaft. Das alles liefert den Zuschauern Stoff zum
Nachdeneken. Dass Ute Richter die Rückblende im ersten
Akt mehrfach vorführen lässt in Form eines Videofilms
erweist sich als hervorragende Idee, auch die Musikcollage
gibt der Aufführung die passende Atmosphäre, und
das Bühnenbild (ebenfalls von Ute Richter) evoziert
den Eindruck großzügiger Weiträumigkeit.
Bleiben die Darsteller: Bettina Franke als Karen, ausschauend
wie die junge Witwe Pohl, spielt überzeugend und liebenswert
eine praktisch denkende Ehefrau, die aber doch das für
Ihren Mann unverzichtbare Anlehnungsbedürfnis mitbringt.
Sie hat gegenüber ihrer Freundin die dankbarere, da
differenziertere Rolle, denn Marianne Thielmann als Liz muss
zunächst als die vom treulosen Gatten Verlassene Tränen
fließen lassen, dann die frisch Verliebte mimen. Das
gelingt ihr gut. Karens Mann Gabe ist der handfeste, eher
lakonische Typ, der lieber schweigt, als Stellung zu beziehen.
Dem gut aussehenden Werner Opitz gelingt es ausgezeichnet,
den Zwiespalt zwischen Solidarität gegenüber seiner
Frau und Verständnis für seinen sich neu orientierenden
Freund aufzuzeigen durch ein deutlich realitätsbezogenes
Spiel Sein Kumpel Tom wird von Rainer Eizenberg verkörpert,
der bei der Premiere eine Weile brauchte, um sich richtig
freizuschwimmen. Dann aber entwickelte er eine unheimlich
komisch wirkende Präsenz, und man fragte sich, wie lange
wohl die ihn beglückende morgendliche Kombination von
Joggen und anschließendem Sex unter der Dusche anhalten
werde.
Mannheimer Morgen vom 2. Juli 2003
Das Besondere im Gewöhnlichen
Schauspiel „Freunde zum Essen“im Zimmertheater
Heidelberg
von Ralf Carl Langhans
Ein geselliger: Abend unter Freunden hatte es werden sollen.
Vorzügliches Abendessen, Urlaubserzahlungen und Anekdoten
aus 15 Jahren gemeinsamen Lebens. Doch da platzt die Bombe:
Tom habe sie einer Jüngeren wegen ver1assen, heult Liz
unvermittelt. "Freunde zum Essen" heißt das
Stuck des amerikanischen Autors Donald Margulies, mit dem
das Heidelberger Zimmertheater in den Theatersommer startet.
Prinzipalin Ute Richter hat die Regie übernommen und sich um die Folgen
einer gängigen Trennungsgeschichte mit großer Intensität gewidmet.
Es gelingt ihr, das Besondere im Gewöhnlichen zu zeigen, denn so oft wir
vom Scheitern ehelichen Glucks hören, für die Betroffenen ist es
ein äußerst individuelles Fiasko.
Tom (Rainer Etzenberg) fühlt sich degradiert zum Spediteur der Kinder
zwischen Tennis und Ballett, Liz (Marianne Thielmann) als malende Hausfrau
nicht ernst genommen. Respekt und Vertrauen, Aufmerksamkeit und Zuwendung bleiben
in der täglichen Mühle nur zu leicht auf der Strecke. Das wissen
auch Karen und Gabe, das befreundete Ehepaar, mit dem sie seit Jahren Urlaube,
Wochenende und gesellige Abende verbringen. Die szenisch vorgesehenen Ruckblenden
in glückliche Zeiten zu viert löst Ute Richter dramaturgisch sinnvoll
durch das Einspielen von Videosequenzen, wenn diese in ihrer Handschrift freilich
auch noch etwas hölzern daher kommen.
Es kommt, was bei Trennungen im Freundeskreis kommen muss: Partei wird ergriffen,
Rechtfertigungen werden erwartet, und Fragen nach dem eignen Gluck werden auch
in der so bemüht offensichtlich intakten Paarkonstellation laut. Bettina
Franke und Werner Opitz spielen auf der Klaviatur von Behauptung und echter
Verbundenheit äußerst subtil alle Facetten partnerschaftlichen Zusammenlebens
durch, was einen bekömmlichen und doch eindringlichen Theaterabend ergibt.
Dem US-Autor gelingt mit "Freunde zum Essen" das Kunststück,
keine sich anbietenden Vorahnungen zu erfüllen, die Spannung zu halten,
und Ute Richter kommt mit dieser dramatischen Spielart bestens zurecht. Erfreulich,
dass Stuck und Regie die Dinge ohne Prüderie beim Namen nennen, etwa die
sexuellen Note und Frustrationen in Langzeitpartnerschaften. Das Ergebnis ist
ein Figurenquartett, das zu Menschen aus Fleisch und Blut wird, den en man
im richtigen Leben schon häufig begegnet zu sein scheint - vielleicht
sogar im nahe gelegenen Eigenheim.
Neue Rundschau Juli 2003
Von Jürgen Gottschling
Ute Richters psychologisch einfühlsames Regiekonzept
bringt aus Donald Margulies' Stück eine brillant-schlüssige
Textanalyse hervor, sie spielt und lässt: spielen mit
Liebe und Sexualität als ideologischer, wissenschaftlicher
und gesellschaftlicher Form, ihr Konzept bedient sich in
der Tat dieser Hilfe, weil in dieser hintergründig bis
abgründigen Textvorgabe Lust und Macht, Begierde und
subtile Gewalt, Liebe, Tausch, sexueller Vollzug und allgemeine
Verstofflichung ineinanderliegen, wenn Individuum und Gesellschaft
nicht nur im Kopf von Theoretikem zusammengebrannt sind,
sondem wirklich: Theater als Spiegel des Lebens.
|
|