|
Wie wäre das: Man läuft durch die Strassen und
begegnet sich selbst: Wenn das da drüben ich bin, wer
bin dann ich? Cloning. Ein Thema, das alle beschäftigt,
weil es die Fragen nach dem, was das Einzigartige eines Menschen
ausmacht, wieder in aller Dringlichkeit stellt. Und was ist
das Lebewesen, das da entstehen würde? Bin ich das noch
mal Ob wir es ertragen würden, als Serie aufzutreten
und wieder zurückgerufen zu werden, wenn unsere Auftraggeber
einen Defekt an uns reklamieren würden? Wie würden
wir empfinden, wenn wir plötzlich erführen, dass
derjenige, den Wir für unseren Vater gehalten haben,
nurmehr der Mann war, der uns In Auftrag gegeben hat und
uns nach einer Vorlage hat kopieren lassen? Und all die Zwischenschritte?
Zwischenwesen, die keiner haben will, weil sie nicht perfekt
waren? Kommen die dann auf den Müll? Caryl Churchill
versetzt ihr Stück,. Die Kopien" in eine nahe Zukunft,
die wie ein Heute wirkt, in dem die Verheißungen der
Biogenetik wahr geworden sind.
Fünf Rollen und zwei Schauspieler, ein Vater, sein
leiblicher Sohn und zwei Wesen aus der Klonserie: Dem Original
genetisch identisch, aber doch völlig unterschiedlich,
da sie in völlig anderer Umgebung und völlig anderen
Voraussetzungen aufgewachsen sind. "Also bin ich einfach
nur er noch mal?" fragt Bernard 2, als er erfährt,
dass sein Vater ihn aus dem Erbmaterial eines ersten und
echten biologisch gezeugten Sohnes hat herstellen lassen. "Nein,
du bist du, weil du das bist, aber ich wollte einen, der
genauso war", entgegnet Salter, sein Vater oder Auftraggeber,
und Bernard 2 darauf: "Aber ich bin nicht er".
Caryl Churchill hat mehr als zwanzig Theaterstücke (u.a. Top Girls)
geschrieben, niemals "well-made plays", seit zehn Jahren zunehmend
experimentell. Ihre Fragen an die von ihr seismographisch genau reflektierte
Gegenwart formuliert Caryl Churchill in Texten, die auch szenisch noch
der Entsprechung für kaum vorhandene Antworten suchen. ,A Number`
wurde am 23. September 2002 am Royal Court Theatre London uraufgeführt. „Die
Kopien“ brachte am 28. März 2003 die Berliner Schaubühne
zur deutschsprachigen Erstaufführung.
KRITIKEN
Was dem Salatkopf recht ist...
SCHAUSPIEL: Caryl Churchills "Kopien" im
Zimmertheater Heidelberg
Von Ralf-Carl Langhals
Der Mensch ist Mensch; zwar gibt es Arme und Reiche, Schöne
und Hässliche, Kranke und Gesunde, doch egal. auf welche
Seite einen jeden Zufall und Geburt geworfen haben, es gibt
selbst in den finstersten Ecken des Elends einen Funken Stolz
auf das eigene Selbst. Ich bin ich, kann mir treu bleiben,
mich gelegentlich verraten, mir leid tun, über Unbill
der eigenen Möglichkeiten oder ungerechte Verhältnisse
klagen, doch fest steht, dass die Singularität meines
Wesen unantastbar ist. Unantastbar war - wie uns die Gentechnik
mittlerweile lehrt, und wie es die englische Autorin Caryl
Churchill in ihrem Theaterstück "Die Kopien",
das. jetzt neben dem Mannheimer Werkhaus auch im Heidelberger
Zimmertheater zu sehen ist, mit ihrer dramatisierten Zukunftsvision
vorführt.
Bernard war im Krankenhaus und bringt bei Entlassung eine
irritierende Neuigkeit mit nach Hause: Es gibt eine Anzahl
baugleiche Personen seines Erbgutes, wie viele kann er nicht
sagen. Sein Vater drückt sich um Klärung, räumt
Schritt für Schritt neue Zugeständnisse' ein, die
im Laufe des Abends nie völlig geklärt werden.
Die bittere Wahrheit ist, dass er nach dem Selbstmord seiner
Frau mit seinem vierjährigen Sohn nicht zurechtkam,
und danach den pädagogisch versauten Zögling weggibt,
um mit einem Klon des Kindes noch einmal von vorne anzufangen.
Die Entwicklung ist absehbar. Nach und nach begegnen sich
die Kopien, emotional verwirrt, wütend auf Vater und
ehrgeizige Wissenschaftler und ihrer Individualität
beraubt.
Caryl Churchill spielt mit den moralischen Zweischneidigkeiten
der Gentechnik und verschweigt nicht, dass Geld und wirtschaftliche
Interessen dabei eine große Rolle spielen und Regisseurin
Ute Richter hat mit Harald Heinz und Arne Dechow zwei sensible
Schauspieler gefunden, die in diesem Dschungel aus Schuld,
Naivität, Anklage und Rechtfertigung spannende Theaterarbeit
leisten.
Ute Richter modernisiert ihren Bühnenstil, sie setzt
das Zweipersonenstück in eine gläserne Szenerie
zwischen bürgerlicher Gemütlichkeit und keimfreier
Laborästhetik, ersetzt das im Zimmertheater obligate
intellektualisierende Klavierspiel bei den Szenenübergängen
durch synthetische Computerklänge und experimentiert
ein weiteres Mal mit Videotechnik, was dem Trendstück
sehr gut tut. So erklärt Karl Otto Greulich, ein veritabler
Professor der Zytologie an der Universität Jena, mit
honoriger Wissenschaftlichkeit via Projektion Lehrreiches
und Heiteres über des Menschen Erbgut, das ihn genetisch
gesehen nur 30 % vom Salatkopf trennt. Doch was wir im Supermarkt
an Manipulation bei holländischem Salat dulden, schockiert
uns innerhalb unserer Gattung zutiefst.
Äußerst wandelbar zeigt sich Arne Dechow als
Betroffener mit Erörterungsbedarf, stets präsent
und glaubhaft in den Rollen dreier potenzieller Klonsöhne.
Allenfalls als biederer Lehrer mit Heidelberger Zungenschlag
wirkt er etwas anbiedernd. Den in die Enge getriebenen Vater
gestaltet Harald Heinz, den Ute Richter erneut ans Zimmertheater
verpflichten konnte, mit erstaunlich kalter Bedenkenlosigkeit.
Wer wissen möchte, was den Menschen vom Salatkopf trennt,
und wie die Langzeitfolgen menschlichen Klonens aussehen
könnten, ist hier bestens aufgehoben.
Mannheimer Morgen
3. November 2003
|
|