| Bei einer Zwischenlandung auf
dem Weg von New York nach Hamburg erlebt der Antiquar S.Rabinovicz
eine Reihe von Überraschungen. Auf Bitten einer Hostess
hat er seinen Platz in der Anschlussmaschine einem Unbekannten
überlassen. Zum Dank erhält er ein Erster-Klasse-Ticket
für den Flug am kommenden Morgen und ein kleines abgegriffenes
Buch vom Anfang des Jahrhunderts. Es ist die Ausgabe der zweisprachigen
Haggada, die er seit über vierzig Jahren gesucht hat.
Die Zeit bis zum Morgen kann Rabinovicz in der VIP-Lounge
des Airports verbringen. Dort trifft er auf einen Fremden,
einen etwa gleichaltrigen Mann, der ihn in ein Gespräch
hineinzieht, das sich wie ein Netz um einen Mordfall legt.
Es ist der Mord an einem englischen Milliardär, den ein
deutscher Verleger begangen haben soll. Wolf , so der Name,
soll Hamilton, der ihn in den Ruin getrieben hatte, auf einem
Kreuzfahrtschiff beim Einlaufen in den Hamburger Hafen erstochen
haben. Rabinovicz ist unterwegs zum Prozess: er ist der wichtigste
Zeuge der Anklage. Der Fremde in der Lounge hegt eine geheimnisvolle
wie leidenschaftliche Anteilname an diesen Fall, an dem augenscheinlich
schuldigen Verleger Wolf. Das Streitgespräch kreist bald
um die Schwierigkeiten bei der Suche nach Wahrheit und Lüge
und Gerechtigkeit...
Diese Geschichte ist ein verdecktes Verhör, dem sein
verstörendes Ende den Glanz der Intimität verleiht,
und ein unsichtbares Tribunal, vor das jeder Mensch gerufen
werden könnte; sie ist ein Tunnel in die Finsternis der
deutschen Vergangenheit, an dessen Ende doch Licht ist, und
die Zeugung einer Wahlverwandschaft zwischen zwei Männern
in den wilden Reden der Nacht. (FAZ)
KRITIKEN
Rhein-Neckar-Zeitung 26/27 Oktober 2002
Bohrende Fragen in der Vip-Lounge
Mit kriminalistischem Gespür: Paul Hengges
„Das Urteil“ im Heidelberger Zimmertheater
Von Volker Oesterreich
Je schärfer der Blick, desto genauer die Erkenntnis:
Der jüdische Antiquar Rabinovicz weiß das nur zu
genau. Wenn er sich auf etwas ganz besonders konzentrieren
will – wie etwa auf seine geliebte Haggada, der er jahrzehntelang
nachgejagt ist, dann setzt er sich eine zweite Brille auf
die Nase. Aber nicht nur diese religiöse Schrift, die
ihn an seine Familie und die eigene Kindheit in Nazi-Deutschland
erinnert, fordert seine ganze Aufmerksamkeit; was Rabinovicz
in der in kühlem Chic eingerichteten Vip-Lounge eines
Flughafens bewegt, ist zugleich der eigene Denkprozess. Sein
Blick ist dabei selbstquälerisch nach innen gerichtet,
und auch dafür bedarf´s offensichtlich der doppelten
Augengläser. Vielleicht helfen sie ja dabei, all die
Rätsel zu lösen, mit denen sich auch der Zuschauer
im Heidelberger Zimmertheater konfrontiert sieht.
Fragen über Fragen tun sich auf in Paul Hengges Stück
„Das Urteil“. Die als Fernsehspiel preisgekrönten
Dialoge appellieren an die kriminalistische Neugierde des
Publikums. Lange wird man im Unklaren gelassen, welche wahren
Beweggründe einen ominösen Fremden dazu veranlassen,
Rabinovicz bei seiner Reise von New York zu einem Mordprozess
in Hamburg zu überreden, auf den direkten Anschlussflug
zu verzichten und sich in ein Gespräch mit einem zwar
freundlichen, aber undurchsichtigen Fremden verwickeln zu
lassen. Rabinovicz ist der Hauptbelastungszeuge. Zu dem Zwischenstopp
lässt er sich mit besagter Haggada ködern. Genauer:
mit einer jener seltenen zweisprachigen Ausgaben, die 1900
in Breslau gedruckt wurden. Nur wenige Exemplare konnten Überlebende
des Holocausts mit in die Neue Welt retten. Ein Büchlein,
an dem Emotionen kleben.
Was also – so ist die Schlüsselfrage des Stücks
– veranlasst jemanden, diesen Schatz herzugeben, um
Rabinovicz für ein paar Stunden aufzuhalten. Steckt der
Mörder dahinter? Spielt die NS-Vergangenheit eine Rolle?
Letzteres liegt nahe, weil der Hauptverdächtige im bevorstehenden
Prozess ein Verleger ist, der hauptsächlich Bücher
über den Holocaust auf den Markt gebracht hat. Während
einer Kreuzfahrt soll der finanziell abgeschlagene Mann ohne
Erfolg versucht haben, einen Milliardär zu überreden,
sich für einen Kredit einzusetzen. Ein Anliegen das höhnisch
in den Wind geschlagen wurde. Als Kabinennachbar war Rabinovicz
Zeuge des Gesprächs, und nun ist er felsenfest von der
Täterschaft des Verlegers überzeugt. Doch im Verlauf
des Flughafen – Gesprächs beginnen die in ihm die
Zweifel zu nagen.
Werner Galas bohrt in der Rolle des Fremden nach, bringt
einen Liebhaber der Milliardärsgattin als möglichen
Täter ins Gespräch und stellt alles in der Manier
eines zweiten Horst Tappert in Frage. Harald Heinz dagegen
vermittelt gekonnt das Gefühl aufkeimender Unsicherheit,
das noch durch zwei Nebenrollen (gespielt von Gerlind Eschenhagen
und dem Zimmertheater-Urgestein Jochen Ballin) gesteigert
wird. Erstaunlich nur, dass sich sein Rabinovicz so offen
auf das Flughafen-Gespräch mit einlässt. Ein dramaturgischer
Mangel des Stücks, den der 1930 in Wien geborene Autor
wohl nicht bedacht hat.
Die vielen Rätsel werden zum Schluss natürlich
wie bei jedem guten Krimi aufgelöst. Hier mehr zu verraten,
hieße jedoch, der konzentrierten Regiearbeit der Zimmertheater-Prinzipalin
Ute Richter den Spannungsbogen zu nehmen. Die Antworten gibt’s
in der Hauptstraße 118. Garantiert.
Mannheimer Morgen 29 10. 2002
Zwei Seiten der Wahrheit
Schauspiel : „Das Urteil“ im Zimmertheater
Heidelberg
Von Ralf-Carl Langhals
Auf Flughäfen ereignen sich die merkwürdigsten
Dinge, sind sich doch Begegnungsstätten unterschiedlichster
Menschen und Kulturen. Der jüdische Antiquar Rabinovicz
wundert sich daher nicht, als er bei einer Zwischenlandung
in New York gebeten wird, seinen Platz für den Weiterflug
nach Hamburg einem eiligen Reisenden zur Verfügung zu
stellen. Er hilft gerne aus, schließlich darf er am
nächsten Morgen erster Klasse weiterfliegen und erhält
aus Dankbarkeit ein kleines Büchlein.
Das Präsent entpuppt sich als bibliophile Rarität,
just jene zweisprachige Haggada die der Büchernarr seit
Jahren erfolglos suchte. In der Vip-Lounge trifft er auf einen
verstockten Fremden, man kommt ins Gespräch. Ute Richter
hat Paul Hengges „Das Urteil“ für ihr Heidelberger
Zimmertheater entdeckt und mit trefflichen Schauspielern besetzt,
die sich im stilechten Warteraum der gehobenen Reisenden vorsichtig
beschnuppern, misstrauisch umkreisen und auch trefflich streiten
können. Die Begegnung ist zunächst unspektakulär,
doch bald entspinnt sich ein Versteckspiel um ein anscheinend
belangloses Gesprächsthema, die Zeitungslektüre
eines hochkarätigen Mordfalls, an dem, wie sich zunehmend
herausstellt, beide Gesprächspartner in hohem Maße
beteiligt sind.
Rabinovicz ist Zeuge der Anklage, der Fremde bester Freund
des Angeklagten. Diese Konstellation liefert bestes Material
für eine spannende Kriminalgeschichte, oder treffender
für einen vielschichtigen Gerichtsfilm, weniger eignet
sich eignet sich der Stoff dagegen für ein Theaterstück:
Die Rückblenden und Geschehnisse rund um den Mord an
einem Milliardär auf einem Kreuzfahrtschiff können
hier nur erzählt werden, und so verliert sich der Abend
oft in einer verwirrenden Detailfülle, die zu Spielfilmausmaßen
von Billy Wilders „Zeugin der Anklage“ taugen
würde.
Diese Tatsache erstaunt wenig, wenn man weiß, das Paul
Hengge bekannter Drehbuchautor ist und unter anderem Drehbuch
für „Hitlerjunge Salomon“ geschrieben hat.
Auch hier ist der Kriminalplot mit Erlebnissen und Befindlichkeiten
um dieses schreckliche Kapitel der deutsch-jüdischen
Vergangenheit verschränkt, die Hengge mit vielen klugen
Betrachtungen und sensiblen Einfühlungsvermögen
durchsetzt.
Werner Galas als aus Freundschaft blinder Journalist und
Intrigant zeigt eindrücklich die wirkliche Größe
seiner Figur am überraschenden Ende des zweistündigen
Theaterabends, und Harald Heinz’ Darstellung des gemütigen
wie aufrichtigen Antiquars ist eine solide Charakterstudie
eines zurückgezogenen Menschen, der nichts falsch machen
will. Jüdischer Witz und Altersbitterkeit kommen dabei
ebenfalls nicht zu kurz, er ist ein stiller Held, den man
kennenlernen möchte. Ein Stück über Verblendung,
parteiischen Übereifer, aber auch über das Entstehen
einer neuen und spannenden Freundschaft.
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